Grüne Wirtschaft

afb – social & green IT

Bei afb arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung an IT-Produkten und Dienstleistungen. YVONNE CVILAK, Mitglied der Geschäftsführung, spricht im Interview darüber, was das größte europäische gemeinnützige Unternehmen der IT-Branche ausmacht – und wie sich afb seit dem letzten Gespräch weiterentwickelt hat.

Bei afb arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung an IT-Produkten und Dienstleistungen. YVONNE CVILAK, Mitglied der Geschäftsführung, spricht im Interview darüber, was das größte europäische gemeinnützige Unternehmen der IT-Branche ausmacht – und wie sich afb seit dem letzten Gespräch weiterentwickelt hat.

Überarbeitet am: 30.07.2026, erstveröffentlicht: 03.03.2020, afb gGmbH - Bild: afb

T-Refurbishing, Kreislaufwirtschaft und Inklusion gewinnen für Unternehmen zunehmend an Bedeutung. Generalüberholte Business-Hardware schont wertvolle Ressourcen, reduziert CO₂-Emissionen und verlängert den Lebenszyklus von IT-Geräten. Gleichzeitig zeigen Unternehmen wie afb, dass wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftliche Verantwortung Hand in Hand gehen können. Mit einem besonderen Fokus auf die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung verbindet afb seit über 20 Jahren nachhaltiges Handeln mit einem inklusiven Arbeitsmarkt. Im Interview spricht YVONNE CVILAK, Geschäftsführerin der afb gGmbH, über die Entwicklung des Unternehmens, die Chancen des IT-Refurbishings, den Stellenwert von Inklusion im Arbeitsalltag sowie die Auswirkungen neuer EU-Regulierungen auf die Zukunft der Branche.


Bild: afb

LifeVERDE: Frau CVILAK, afb beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit zertifizierter Datenvernichtung und der Aufarbeitung gebrauchter Business-Hardware. Seit unserem letzten Gespräch hat sich einiges getan – auch an der Spitze des Unternehmens. Wie hat sich afb seither entwickelt?

YVONNE CVILAK, Geschäftsführerin der afb gGmbH: Mein Vater Paul Cvilak hat afb 2004 gegründet. 2024 haben wir gemeinsam mit meinen Geschäftsführungskollegen Daniel Büchle und Mike Reif den Vorsitz neu aufgestellt: Daniel führt heute den Vorsitz der Geschäftsführung, Mike verantwortet Einkauf und Vertrieb, ich kümmere mich um HR, Betriebssozialarbeit, unsere integrierten Managementsysteme und Legal-Themen. Für mich persönlich ist das eine schöne Entwicklung, weil ich mich so noch stärker auf das konzentrieren kann, was mir am wichtigsten ist: die Menschen bei afb.

Und rein zahlenmäßig sind wir deutlich gewachsen: Heute beschäftigen wir rund 700 Mitarbeitende an 20 Standorten in Deutschland, Österreich, Frankreich, der Schweiz und der Slowakei. Fast die Hälfte unserer Belegschaft – 49 Prozent – hat eine Behinderung. Unser Inklusionskonzept auf dem ersten Arbeitsmarkt ist nach wie vor einzigartig in dieser Größenordnung, und wir arbeiten weiter konsequent daran, es auszubauen.

Wie gelingt in der Praxis die Arbeit mit Ihren Mitarbeitenden, die ein körperliches oder psychisches Handicap haben, und was sind die größten Herausforderungen hierbei?

Im Kern hat sich an unserem Grundprinzip nichts geändert: Wir schauen zuerst auf die Stärken eines Menschen, nicht auf die Einschränkung. Deshalb geben wir auch Bewerbungen eine Chance, die vielleicht nicht geradlinig oder perfekt wirken.

Unsere Standorte sind barrierefrei oder zumindest barrierearm gestaltet, wir arbeiten konsequent in gemischten Teams – ob in Verwaltung, Produktion, Akquise oder Versand. Neu dazugekommen ist, dass wir unsere Betriebssozialarbeit in den letzten Jahren nochmal spürbar ausgebaut haben: Für alle Standorte stehen unsere Betriebssozialarbeiterinnen und -arbeiter unseren Kolleginnen und Kollegen mit Rat und Tat zur Seite. Das war mir ein besonderes Anliegen, seit ich diesen Bereich verantworte.

Ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit ist außerdem die Sensibilisierung unserer Mitarbeitenden. Inklusion gelingt nicht nur durch barrierearme Standorte oder angepasste Arbeitsplätze, sondern vor allem durch Haltung, Wissen und gegenseitiges Verständnis. Deshalb klären wir intern über unterschiedliche Formen von Behinderung auf, bauen Berührungsängste ab und lernen jeden Tag dazu - im Austausch, im Alltag und durch "Learning by Doing".

Es gibt so viele unterschiedliche Behinderungen wie es Menschen gibt – körperlich, psychisch, seelisch-geistig. Wir setzen auf sogenanntes Job-Carving: Wir passen Arbeitsplätze individuell an die Bedürfnisse der Menschen an, statt umgekehrt zu erwarten, dass sich Menschen in starre Stellenprofile einpassen. Das macht uns als Arbeitgeber flexibler – und es funktioniert.

Wer lässt bei Ihnen seine IT wieder aufbereiten, und in welchem Umfang findet das Refurbishing bei afb mittlerweile statt?

Die Dimension hat sich deutlich verändert. Zu unseren Partnern zählen inzwischen mehr als 2.000 Organisationen – von DAX-Konzernen über den Mittelstand bis zu öffentlichen Einrichtungen und Behörden. Wir holen die gebrauchte Business-Hardware ab, erfassen sie, löschen die Daten in einem zertifizierten Prozess und bereiten die Geräte anschließend technisch auf.

Allein im Jahr 2025 haben wir rund 728.000 Business-IT- und Mobilgeräte bearbeitet – ein weiterer Rekord und ein deutliches Plus gegenüber dem Vorjahr. Diese Größenordnung zeigt: Professionelles IT-Refurbishing ist längst kein Nischenthema mehr, sondern fester Bestandteil verantwortungsvoller IT-Beschaffung.

Was sind die größten wirtschaftlichen und ökologischen Vorteile, die durch IT-Refurbishing entstehen?

Wir lassen unsere ökologische Wirkung jährlich extern berechnen und veröffentlichen sie in unserem Wirkungsbericht. Für 2025 sieht die Bilanz so aus:

  • 68.200 Tonnen CO2-Äquivalente vermiedene Treibhausgase (+9,7 % gegenüber 2024)
  • 261.400 Megawattstunden eingesparte Primärenergie (+12 %)
  • 483 Millionen Liter eingespartes Wasser
  • 33.500 Tonnen eisenäquivalente Rohstoffe wie Metalle und Kunststoffe
  • 371.000 Tonnen 1,4-DB-Äquivalente vermiedene humantoxische Stoffe

Diese Zahlen stellen wir unseren Partnerunternehmen individuell auf einer Wirkungsurkunde zur Verfügung – gerade für die ESG-Berichterstattung ist das inzwischen ein wichtiges Argument. Für jedes Gerät, das wir generalüberholt weiterverkaufen, muss kein neues produziert werden. Das spart nicht nur CO2 und Energie, sondern auch den Abbau von Rohstoffen, die zunehmend knapp und geopolitisch sensibel sind.

Themen wie Right to Repair und der Digital Product Passport sind inzwischen auf EU-Ebene Realität geworden. Wie verändert das Ihre Arbeit?

Das ist tatsächlich einer der größten Unterschiede zu unserem letzten Gespräch: Was afb seit über 20 Jahren praktiziert, wird gerade europaweit regulatorisch nachgezogen. Das bestärkt uns – und es erhöht gleichzeitig den Druck auf Unternehmen, IT nicht mehr isoliert zu betrachten, sondern über den gesamten Lebenszyklus. Daniel spricht in diesem Zusammenhang gerne vom „Total Impact of Ownership" – also der Frage, welchen ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Fußabdruck ein Gerät über seine gesamte Nutzungsdauer hinterlässt, nicht nur beim Einkauf. Für unsere Partner bedeutet das: Wer heute auf Refurbished-Hardware setzt, ist regulatorisch nicht nur auf der sicheren Seite, sondern oft schon einen Schritt voraus.

Wie und wo rekrutieren Sie Ihre Mitarbeitenden, und worauf kommt es Ihnen beim Einstellungsprozess an?

Hier hat sich unser Grundansatz nicht verändert, wir nutzen ihn nur konsequenter: Neben klassischen Jobbörsen und Social Media arbeiten wir eng mit Integrationsfachdiensten, Reha-Trägern, Bildungsträgern und weiteren lokalen Partnern zusammen. Wer in seinen Bewerbungsunterlagen einen Schwerbehindertenausweis erwähnen möchte, kann das jederzeit tun, ganz ohne Scheu. Gleichzeitig ist uns wichtig: Niemand muss eine Behinderung offenlegen. Entscheidend bleibt für uns, die richtige Person für die richtige Stelle zu finden - unabhängig von einer Behinderung.

Im Einstellungsprozess achten wir neben fachlichen Voraussetzungen besonders auf Motivation, Zuverlässigkeit und Entwicklungspotenzial. Ebenso wichtig ist der Team-Fit: Die Aufgabe, das Arbeitsumfeld und das jeweilige Team müssen zur Person passen - und umgekehrt. Wenn nötig, schauen wir gemeinsam, welche Rahmenbedingungen oder Anpassungen hilfreich sind, damit ein guter Start gelingen kann. So entsteht nicht nur ein passender Arbeitsplatz, sondern auch eine tragfähige Zusammenarbeit im Team.

Wie geht es mit afb in den nächsten Jahren weiter?

Wir sind auf einem guten Weg zu unserem langfristigen Ziel von 1.000 Arbeitsplätzen für Menschen mit Behinderung europaweit. Dieses Ziel bleibt für uns ein wichtiger Kompass. Gleichzeitig wollen wir unsere ökologische Wirkung weiter steigern und unsere Prozesse noch professioneller machen, gerade weil das Thema IT-Lifecycle-Management durch die neue EU-Regulatorik an Bedeutung gewinnt. Stillstand können wir uns nicht leisten. Und ehrlich gesagt: Wollen wir auch gar nicht.

Fazit: Inklusion und Kreislaufwirtschaft gemeinsam voranbringen

afb zeigt, dass wirtschaftlicher Erfolg, gelebte Inklusion und nachhaltiges Handeln kein Widerspruch sind. Mit einem konsequenten Fokus auf IT-Refurbishing, zertifizierte Datenvernichtung und die Schaffung inklusiver Arbeitsplätze verbindet das Unternehmen ökologische und soziale Verantwortung mit einem zukunftsfähigen Geschäftsmodell. Gleichzeitig sorgen neue EU-Vorgaben wie das Right to Repair oder der Digital Product Passport dafür, dass Themen wie Kreislaufwirtschaft und nachhaltiges IT-Lifecycle-Management weiter an Bedeutung gewinnen. afb sieht darin nicht nur neue Anforderungen, sondern auch die Bestätigung seines langjährigen Ansatzes – und verfolgt das Ziel, die positive Wirkung für Umwelt und Gesellschaft in den kommenden Jahren weiter auszubauen.

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