Warten statt starten: Gesellschaft im Wandel
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Warten statt starten: Gesellschaft im Wandel

GASTBEITRAG | Für die meisten Menschen ist Zeitnot eines der größten Übel unserer Beschleunigungsgesellschaft. Sie glauben, zu wenig Zeit zu haben, rennen durch ihr Leben und stehen permanent unter Druck, was dazu führt, ihr individuelles Lebenstempo ständig zu verschärfen.

GASTBEITRAG | Für die meisten Menschen ist Zeitnot eines der größten Übel unserer Beschleunigungsgesellschaft. Sie glauben, zu wenig Zeit zu haben, rennen durch ihr Leben und stehen permanent unter Druck, was dazu führt, ihr individuelles Lebenstempo ständig zu verschärfen.

19.03.2018 - Ein Gastbeitrag von Dr. Alexandra Hildebrandt, Foto: Symbolbild © Pixabay

Alles muss in kürzester Zeit erledigt werden. Schon vor über 100 Jahren beklagte Friedrich Nietzsche den mangelnden Sinn des modernen Menschen „für alles Otium“ (Muße). Statt in Ruhe das Leben zu genießen, werden heute essen und trinken „to go“ hineingeschüttet, daheim wird dann zu Fast Food und Mikrowelle gegriffen.

Viele Menschen haben Angst, etwas zu verpassen. Die Ressource Zeit ist für die meisten noch immer Geld. Einen Großteil ihrer Wartezeit in einer Schlange zu verbringen, erscheint ihnen als vergeudete Zeit. In den USA gibt es deshalb Professional Line Sitters, die nichts Anderes tun als für andere Menschen irgendwo zu warten – vor einem Supermarkt, vor der Disco oder einer Führerscheinstelle. Es gibt dafür sogar Agenturen wie die „Same Old Line Dudes“ in New York. Traditionell ist die Verkürzung von Wartezeiten das Ziel von Ökonomen. Zur klassischen Warteschlangentheorie gehört, dass Kunden umso weniger bestellen, je länger die Wartezeit ist.

Dass Amazon nun die Warteschlange an den Kassen abschafft, wissen sie besonders zu schätzen. Das Supermarktkonzept Amazon Go, das auf die Schnellversorgung von Berufstätigen ausgelegt ist, kommt ohne Kassiererinnen und Kassierer aus. Der Kunde erledigt alles selbst und wird dabei von Kameras bewacht. Unter der Decke installierte Kameras erkennen jedes Produkt und legen es in den virtuellen Warenkorb in der App. Legt es der Kunde zurück ins Regal, nimmt es die künstliche Intelligenz aus dem virtuellen Warenkorb heraus. Bezahlt wird über die Amazon-Go-App.

Die positiven Seiten des Wartens

Mit der Abschaffung der Warteschlange in der Leistungsgesellschaft verschwinden auch viele positive Effekte: Freiräume zur Reflexion und Entspannung (geschenkte Zeit), Kommunikation, die bewusste Wahrnehmung unserer Umwelt und ihrer Details. 

In der DDR gehörten Warteschlangen zur Kultur: Wenn es etwas „unterm Ladentisch“ („Bückware“) gab (beispielsweise importierte Ware) oder dies auch nur vermutet wurde, bildete sich eine lange Schlange. Immer mehr Menschen reihten sich ein, obwohl sie oft nicht wussten, was es gab. Die Schlange zeigte: Es ging um etwas Besonderes und signalisierte, dass sich viele Menschen dafür interessieren.

Warten mit Methode

Heute wird das Phänomen der falschen Schlange häufig genutzt, um Nachfrage vorzutäuschen, was wiederum gut für den Umsatz ist. Wer lange auf etwas wartet, investiert viel Zeit, was dazu führt, dass das Erwartete noch wertvoller erscheint. Auch die Schlangen vor den Apple-Stores und Modeläden erregen regelmäßig Aufmerksamkeit, die mit der Botschaft verbunden ist, dass das, was hier erhältlich ist, begehrenswert ist. Teilweise warten die Käufer mehrere Tage zu Tausenden. Zum Apple-Kult gehören aber auch mehrwöchige Lieferzeiten im Onlineshop.

Am wichtigsten ist jedoch der soziale Aspekt der Warteschlange, auf den auch der Business- und Managementexperte Tim Leberecht in seinem Buch „Business-Romantiker“ verweist: Sie bietet den Menschen einen öffentlichen Raum, an dem man Freunde und Nachbarn treffen und kommunizieren kann: „In der Schlange zu warten bedeutet, ein kleines bisschen zu leiden; es ist eine Investition von Zeit und Mühe, für die man im Gegenzug eine gewisse Exklusivität erhält.“ Damit verbunden ist die gängige Vorstellung, dass komfortable Kundenerfahrungen zu größerer Kundenloyalität führen.

Die Warteschlange ist ein wichtiges Symbol für unsere Einbettung in Zeitverläufe, die aus Schnelligkeit und Muße besteht. Beides brauchen wir für unsere Identität und eine starke Gemeinschaft. Sie zu verlieren bedeutet, auch uns selbst abzuschaffen.     

Literatur:

Tim Leberecht: Business-Romantiker. Von der Sehnsucht nach einem anderen Wirtschaftsleben. Droemer Verlag München 2015.

Alexandra Hildebrandt: Urlaub. Das Gute in der Nähe finden. Amazon Media EU  S.à r.l. Kindle Edition 2017. 

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